Call for Action:

Hans-Georg-Backhaus-Bibliothek im Museum des Kapitalismus

 

Im Museum des Kapitalismus (MdK) in Berlin-Kreuzberg soll mit der Hans-Georg-Backhaus-Bibliothek (HGB^2) eine unabhängige radikale Studienbibliothek aufgebaut werden und durch ein inhaltliches Diskussions- und Veranstaltungsprogramm ergänzt werden. Dafür suchen wir Mitstreiter*innen.

Der Adorno-Schüler, Ökonom und Soziologe Hans-Georg Backhaus verstarb am 8. März im Alter von 96 Jahren. Er begründete in den 1960er Jahren in Abkehr von der marxistisch-leninistischen Orthodoxie eine kritische Marx-Lektüre, die bis heute eine enorme Energie an theoretischen Forschungen freisetzt und international großes Interesse weckt. Bis ins hohe Alter legte er im Umgang mit der Kritik der politischen Ökonomie, dem theoretischen Erbe von Marx, einen heiligen Ernst an den Tag, der seinesgleichen sucht.

Seine über 4.000 Bücher umfassende marxistische Privatbibliothek konnte durch die Vermittlung seiner Schülerin Nadja Rakowitz von Frankfurt a. M. nach Berlin ins MdK transferiert und so in ihrem Zusammenhang bewahrt werden. Dort sollen nun zunächst Bibliotheksarbeitsplätze und – basierend auf der Erfassung der Bücher in einem Online-Katalog – ein Verleihbetrieb aufgebaut werden.

Jedoch verdankt die Bibliothek Backhaus nicht nur ihren Namen und ihren Bücherbestand, sondern auch einen gesellschaftskritischen und politökonomischen Referenzrahmen. Dieser schließt insbesondere die Einheit der Darstellung eines gesellschaftlichen Gegenstands und seiner Kritik – Kritik benötigt also keine äußerliche moralische Zutat – sowie die widersprüchliche Einheit des durch das Kapital definierten Gesellschaftssystems ein.

Die HGB^2 versteht sich daher nicht nur als Bibliothek, sondern auch als inhaltlich arbeitendes Kollektiv, das in einem monatlichen öffentlichen Jour Fixe in Kooperation mit dem Arbeitskreis materialistische Dialektik Fragen der marxistischen Gesellschaftstheorie diskutiert. Eine Veranstaltungskooperation mit Online-Streaming mit dem parteiunabhängigen radikalen Marxist Education Project aus New York ist anvisiert und wurde bereits konkret besprochen.

Darüber hinaus will sie  – in Absprache und Zusammenarbeit mit dem bestehenden MdK-Kollektiv und aufbauend auf dessen langjährigen Engagement – den Ort bespielen und weiterentwickeln: als Ort für unabhängige radikale Theorieaneignung, -entwicklung und -vermittlung – als Ort für Bildung, Selbstbildung und gemeinschaftliche solidarische Theoriearbeit, als Ort für Lesekreise, Diskussions- und Vortragsveranstaltungen.

Das Renommee des Namensgebers wird uns auch helfen, neben der bestehenden Reputation des MdK und einem weiterhin soliden inhaltlichen Bespielen des Raums, die nötigen Finanzmittel für Raummiete, Bibliotheksmaterial, ggf. Aufwandsentschädigungen und Veranstaltungsbudget zu requirieren: von kommunaler und staatlicher Bibliotheks- und Wissenschaftsförderung, politischen Stiftungen, privaten Spender:innen und über Crowd-Funding.

Das Projekt wird durch eine weitergehende, langfristige Zukunftsvision angetrieben. Diese beinhaltet einerseits, sich am Aufbau einer gesellschaftskritischen Zeitschrift zu beteiligen, die als Austragungsort substanzieller radikaler Theoriedebatten fungiert (angesichts des schmerzhaft spürbaren Fehlens eines solchen Organs); andererseits ein marxistisches und revolutionäres Kursprogramm für das 21. Jahrhundert zu entwickeln, unter anderem inspiriert durch die Marxistische Arbeiterschule, ein zwar von der (stalinistischen und teils antisemitischen) KPD initiiertes, aber dennoch strömungsübergreifendes und interessantes Arbeiterbildungsprojekt des Berlin der 1920er Jahre, der von Peter Weiss in der Ästhetik des Widerstand beschriebenen und entworfenen Arbeiter:innenselbstbildung, sowie dem 1970 gegründeten Marxist Education Project aus New York, das ein umfangreiches großes unabhängiges und radikales marxistisches Schulungsprojekt in New York betreibt.

Das inhaltliche Programm startet, in Kooperation mit Nadja Rakowitz, mit einem Screening der Aufnahme von Backhaus‘ letztem Vortrag, bei der wir Backhaus‘ Arbeit und Vermächtnis gemeinsam diskutieren können.

 

Interesse an der Mitarbeit? Meldet euch!

Felix Lang und Emanuel Kapfinger für den Vorbereitungskreis der HGB^2

8 + 11 =

E-mail

hgb2 (at) museumdeskapitalismus.de